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Schwerbehinderte auf dem Arbeitsmarkt – Wo sind Chancengeber?

Große Barrieren: ist die fehlende Akzeptanz schlimmer als die eigene Einschränkung?

Schwerbehinderte bei gleicher Eignung bevorzugt – Vermutlich ist jeder von uns schon mal auf eine Stellenausschreibung mit einer solchen Formulierung gestoßen. Doch welche Bedeutung kann man dieser Phrase zuschreiben? Wie viele Menschen sind betroffen und was wird mit einer solchen Formulierung eigentlich erreicht? Unser Recruiter und Wirtschaftsjurist Tom hat sich mit diesem Thema genauer beschäftigt – wir klären auf!

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Ende 2017 verzeichnete Deutschland einen Anteil von beinahe einem Zehntel der Bevölkerung mit einer Schwerbehinderung, 42 Prozent davon im erwerbsfähigen Alter. In Zahlen reden wir hier von über 3,2 Millionen Menschen, die dem Arbeitsmarkt grundsätzlich zur Verfügung stehen. Warum greifen Personaler also auf Formulierungen, wie die anfänglich genannte zurück, wenn der Markt doch voll mit Kandidaten ist?

Definition Schwerbehinderung und Beschäftigungspflicht

In Deutschland finden sich sämtliche Regelungen rundum Schwerbehinderte im Neunten Buch des Sozialgesetzbuches (SGB IX).

Behindert ist, wer körperliche, seelische oder geistige Beeinträchtigungen hat, die die Teilhabe an der Gesellschaft voraussichtlich für längere Zeit einschränken können. Wie groß die eigentliche Beeinträchtigung ist, zeigt der jeweilige, vom Versorgungsamt festgestellte, Grad der Behinderung (GdB). Demnach ist schwerbehindert, bei wem ein GdB von 50 vorliegt, bzw. bei dem ein GdB von 30 vorliegt und wer von der Agentur für Arbeit einem schwerbehinderten Menschen gleichgestellt ist.

Darüber hinaus trifft sowohl private als auch öffentliche Arbeitgeber mit einer Mindestanzahl von durchschnittlich 20 Arbeitnehmer eine Beschäftigungspflicht. Demnach sind wenigstens fünf Prozent der Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten zu besetzen. Kommt ein Arbeitgeber dieser Pflicht nicht nach, so hat dieser für jeden nicht besetzten Pflichtarbeitsplatz eine Ausgleichsabgabe in Höhe von 125 bis 320 Euro jährlich, entsprechend der Abweichung vom festgelegten Prozentsatz, zu leisten.

Herausforderungen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber

Ein großes Problem in unserer Gesellschaft stellt nach wie vor die Akzeptanz und das Verständnis dar. Selbstverständlich gibt es tragische Extremfälle, die es einem nicht mehr ermöglichen sein Leben uneingeschränkt und selbstständig zu führen, geschweige denn einer Tätigkeit nachzugehen. Allerdings existieren auch Fälle, in denen es zu vereinzelten Einschränkungen kommt, die nicht unverzüglich für den Verlust der Erwerbsfähigkeit sorgen.

Ein Büroangestellter mit einem Bildschirmarbeitsplatz, dem z. B. ein Bein fehlt (GdB 100), hat durchaus mit verschiedenen Herausforderungen zu kämpfen, doch wäre er grundsätzlich in der Lage, diese überwiegend sitzende Tätigkeit weiterhin auszuführen.

Um dem betroffenen Mitarbeiter die Integration zu erleichtern, kann der Arbeitgeber Maßnahmen ergreifen, den Arbeitsplatz behindertengerecht einzurichten. In unserem Beispiel könnten sämtliche nicht EDV gestützte Arbeitsmaterialien (z.B. Aktenschränke) auf einer Höhe angebracht werden, die ein häufiges Aufstehen vermeiden.

Je nach Behinderung kann eine solche Anpassung mit erheblichen Kosten verbunden sein. Aus Angst davor und vor etwaigen weiteren Kosten, ziehen vereinzelte Arbeitgeber die zuvor erwähnte Ausgleichsabgabe der eigentlichen Beschäftigung eines Schwerbehinderten vor. Dabei zeigt sich, dass Arbeitgeber diesen Herausforderungen nicht allein gegenüberstehen müssen.

Das Integrationsamt, eine Behörde zur Unterstützung bei Aufgaben aus dem Schwerbehindertenrecht, ist nicht nur für die Betroffenen da, sondern kann z.B. durch Investitionen zur Schaffung entsprechender Arbeitsplätze oder bei der behindertengerechten Einrichtung von Arbeitsplätzen eine Erleichterung bieten. Mehr dazu: Integrationsamt – Leistungen an Arbeitgeber im Überblick

Schlechte Erfahrungen, die sich durch das Aufeinandertreffen der eigenen Behinderung und der Unwissenheit diverser Arbeitgeber ergeben haben, können gerade bei betroffenen Kandidaten selbst zu Unsicherheit führen. Wenn sich Vorfälle dieser Art häufen und Selbstzweifel zu einem Rückzug aus der Gesellschaft führen, kann der Weg zurück mit jedem Tag schwieriger werden. An dieser Stelle kann eine Formulierung, wie die eingangs erwähnte, zu einem wichtigen Werkzeug werden verunsicherte Bewerber zu ermutigen, eine Chance zu ergreifen, von der sie bis dato nicht gedacht hätten sie zu haben.

FAZIT

Was können wir tun? Arbeitgeber sollten sich über Möglichkeiten zur Unterstützung auf dem Laufenden halten und diese in Anspruch nehmen. Man kann sich nie genug engagieren und meist bekommt man am Ende viel Dankbarkeit und Motivation zurück. Wir Recruiter sollten Bewerber nicht immer auf den ersten Blick be- oder verurteilen, sondern genauer betrachten und die Chance geben sich zu beweisen.

Quelle: rehadat-statistik

Über unseren Gastautor

Tom Lippkow Searchtalent

Tom Lippkow | Recuiter von Searchtalent 

Tom ist seit einiger Zeit als Recruiter für Searchtalent tätig und nimmt an lokalen Recruiting- und HR-Events teil. Seine Erkenntnisse über branchenrelevante Themen fasst er für den Blog in informative Beiträge zusammen. Sein Fokus als Recruiter – das Entdecken und Unterstützen von Potential, das sich erst in der optimal zugeordneten Position richtig entfalten kann.

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